Frauen sind im Baugewerbe leider immer noch die Exotinnen – erst recht in den Kaderstufen. Genau drei ausgebildete Baumeisterinnen zählt die Schweiz bisher. Gabriele Knüsel Walz, Beatrice Battistini und Brigitte Gämperle geben Einblick in den Alltag einer Frau in einer solch ausgesprochenen Männerdomäne.

Gabriele Knüsel Walz, Beatrice Battistini und Brigitte Gämperle wünschen sich, dass mehr Frauen ins Baugewerbe einsteigen. Fotos: zvg
Tatort Baustelle. Die Bauführerin Gabriele Knüsel Walz stellt sich der Bauleitung vor. Die Herren schauen verunsichert an ihr vorbei und fragen: «Wo ist der Bauführer?» Statt für die Bauführerin hält man sie für die Sekretärin.
Solche Situationen hat Gabriele Knüsel in ihrer 20-jährigen Karriere auf dem Bau einige erlebt. Sie war die erste Frau der Schweiz, die am Campus Sursee die Baumeisterprüfung gemacht hat – und zwar bereits im Jahr 1997. Als Baumeisterin und Bauführerin war sie nicht nur eine Exotin, sondern sie war etwas, das es im Vorstellungsvermögen der meisten Leute schlicht nicht gab – schliesslich hatte es das bisher noch nie gegeben.
Heute, 15 Jahre später, weist die Schweiz immerhin schon drei Baumeisterinnen auf: Beatrice Battistini hat die Prüfung im Jahr 2010 bestanden und Brigitte Gämperle gehört seit September 2012 zu diesem erlauchten Kreis. Alle drei haben einen ähnlichen familiären Hintergrund: Die Väter von Gabriele Knüsel und Beatrice Battistini hatten ein Baugeschäft, der Vater von Brigitte Gämperle war Vorarbeiter Verkehrswegebau. Schon als Kind hat Beatrice Battistini lieber mit Baukränen als mit Puppen gespielt.
Entsprechend waren die jeweiligen Eltern nicht erstaunt, als ihre Töchter einen eher ungewöhnlichen Berufsweg einschlugen. Knüsel machte zuerst eine Lehre als Tiefbauzeichnerin, dann als Maurerin; Battistini entschied sich für eine Hochbauzeichner-Lehre; und Gämperle begann als Tiefbauzeichnerin. Stufe um Stufe haben sie sich in diesen Männerdomänen bis zur Baumeisterin emporgearbeitet. Zielstrebig, zupackend, charakterstark – «ohne den nötigen Biss kommt man in dieser Branche nicht weit», unterstreicht Knüsel.
Alle drei teilen die Erfahrung: Als Frau steht man auf dem Bau im Schaufenster. «Ich habe eigentlich erst in meiner Maurerlehre realisiert, dass es zwei Geschlechter gibt», erzählt Gabriele Knüsel lachend. «Für mich war mein Job zwar normal, aber für die anderen war ich ein Sonderling.» Probleme gab es jedoch nie – noch nicht. Ihre männlichen Kollegen haben ihr beim Umziehen in der Baracke mehr Platz eingeräumt, ansonsten sei der Umgang völlig normal gewesen. «Nie hätte ein Bauarbeiter eine blöde Bemerkung gemacht», erklärt die heute 53-Jährige. Denn für diese Männer sei es selbstverständlich gewesen, dass eine Frau arbeite – ihre eigenen Frauen arbeiteten ja auch. Die 36-jährige Beatrice Battistini bestätigt, dass man als Frau ebenbürtig behandelt wird: «Am Anfang staunen die Männer. Doch die Bauleute vor Ort haben vor einer Frau den gleichen Respekt wie vor einem Mann.» Brigitte Gämperle bejaht das.
Allerdings: Je weiter sie die Karriereleiter emporstiegen, desto eher wurde ihr Geschlecht zu einem Thema. «Als Frau wird man nicht als Persönlichkeit wahrgenommen, sondern primär als Frau – vor allem in den Führungsetagen», erklärt Gabriele Knüsel. Die gleiche Erfahrung macht die 37-jährige Brigitte Gämperle. Oft werde sie weniger als Fachperson begutachtet, sondern primär unter dem Label «Frau». Das habe Vor- und Nachteile. Wenn beispielsweise der Kunde Frauen gegenüber positiv eingestellt ist, dann erhält sie den Zuschlag. Ist der Kunde jedoch Frauen gegenüber skeptisch, ist sie schon von Vorneherein aus dem Rennen. «In diesem Sinne hat man sich als Frau mit anderen Problematiken auseinanderzusetzen», erklärt sie. Als Frau ist sie immer die Exotin unter vielen Männern.
Nach über 20 Jahren als notgedrungene Einzelkämpferin verabschiedet sich Gabriele Knüsel schliess-lich aus dem Baugewerbe; heute arbeitet sie bei der Suva. Sie brauchte etwas Distanz zu dieser «extrem konservativen Männerwelt». Sie hätte sich als Frau mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit gewünscht. «Gleichberechtigung auf dem Papier allein reicht nicht», betont sie. Frauen bräuchten gezielt Förderung, um die Nachteile aufzuwiegen. Ein Nachteil sei beispielsweise, dass sich Frauen nicht wie die Männer vernetzen können, weil es auf der Kaderstufe fast keine Frauen gebe.
Trotz dieser kritischer Worte lobt Gabriele Knüsel das Baugewerbe als eine «sehr schöne Branche». Sie hebt die Vielfältigkeit der Aufgaben sowie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten hervor. Beatrice Battistini und Brigitte Gämperle unterstreichen dies. Ebenso gefällt den drei Frauen, dass sie im Bau etwas Konkretes und Bleibendes «erschaffen» können. Als negativ erleben Beatrice Battistini und Brigitte Gämperle den zunehmenden Stress, die Geschwindigkeit und den Preisdruck sowie die stetige Erreichbarkeit. Alle drei sagen jedoch unisono: «Ich bin sehr froh, habe ich diesen Weg gewählt, und ich würde es jederzeit wieder machen.» Brigitte Gämperle fügt an: «Der Job ist unglaublich spannend.»
Nur einen Wunsch hätten sie: dass mehr Frauen ihrem Beispiel folgen würden. Dazu müssten zum einen die Mädchen den Mut aufbringen, eine Lehre oder Weiterbildung auf diesem Gebiet anzupacken. Gleichzeitig müsste aber auch die Baubranche über die Bücher. «Die Branche muss die Grundhaltung klären: Will man wirklich mehr Frauen auf dem Bau oder nicht?» fordert Brigitte Gämperle. Sie sei nämlich durchaus skeptisch, ob das männerdominierte Gewerbe wirklich mehr Frauen wolle. In eine ähnliche Richtung zielt Gabriele Knüsel: «Das Baugewerbe muss sich ganz bewusst aktiver um die Frauen bemühen.»
Drittens seien der SBV und die Schulen gefordert. «Mit gezielter Werbung könnten mehr Frauen zum Einstieg ins Baugewerbe motiviert werden», ist Beatrice Battistini überzeugt. Auch die Sekundarschulen müssten die vielfältigen Bauberufe vorstellen – und sich dabei nicht nur an die Buben richten. Brigitte Gämperle stellt trocken fest: «Wenn man die Mädchen nicht einbezieht, verzichtet man freiwillig auf eine grosse Ressource.»
Gabriele Knüsel Walz (53) aus Weggis LU hat im Jahr 1975 eine Lehre als Tiefbauzeichnerin absolviert und anschliessend eine als Maurerin. Aufgewachsen in einem Baugeschäft, hat sich schon früh ihr Berufswunsch Bauführerin abgezeichnet. Die Ausbildung zur Baumeisterin durchlief sie an der Bauschule Aarau, wo sie 1997 als erste Frau der Schweiz das Diplom erhielt. Sie arbeitete zehn Jahre bei der Firma Marti in Zürich und war fast zwanzig Jahre lang Prüfungsexpertin für Maurerlehrlinge in Effretikon. Heute arbeitet sie bei der Suva. Ihre Hobbys: Velofahren, Wandern, Langlauf.
Beatrice Battistini (36) ist im Tessin aufgewachsen; ihre Eltern arbeiteten auch in einem Baugeschäft. Schon früh zeigte sie, dass in ihren Adern Bau-Blut fliesst: als Kind hat sie von ihren Spaziergängen Steine für ihren Vater mitgenommen und ihm vorgeschlagen, dass er daraus eine Natursteinmauer bauen kann. Sie hat die Hochbauzeichner-Lehre gemacht, in einem Architekturstudio in Bellinzona gearbeitet und dann die Bauführerschule in Ascona absolviert. Nach zwei Jahren ist sie nach Zürich gezogen und arbeitet seit 2002 bei der Implenia (damals noch Batigroup), heute als Projektleiterin im Tiefbau. Die Baumeisterausbildung hat sie 2010 in Sursee abgeschlossen. In ihrer Freizeit zieht es auch sie in die Natur; Gleitschirmfliegen, Schwimmen, Inlineskaten oder Joggen gehören zu ihren Lieblingsbeschäftigungen – neben dem Reisen.
Brigitte Gämperle (37) aus Häusernmoos BE hat nach der Lehre als Tiefbauzeichnerin berufsbegleitend die Bauleiterschule absolviert und dann als technische Mitarbeiterin zur Bauunternehmung Stämpfli AG gewechselt. Danach hat sie sich zur Bauführerin und schliesslich zur Baumeisterin ausbilden lassen; abgeschlossen hat sie im September 2012. Seit fünfeinhalb Jahren arbeitet sie als Bauführerin bei der Kibag Bauleistungen AG, seit einem Jahr als stellvertretende Geschäftsführerin am Standort in Huttwil. Auch sie treibt in der Freizeit am liebsten Sport: Joggen, Fussball, Skifahren; Lesen, Motorradfahren und Reisen gehören ebenfalls zu ihren Leidenschaften.
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