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02.10.17  |  

Wenn sich ein Haus an das andere schmiegt

Tanzendes Haus oder Ginger und Fred ist der Spitzname zweier 1996 in Prag, Tschechien, realisierten Bürogebäude. Projektiert hatte die auffallenden Gebäude, bei denen sich eines an das andere zu schmiegen scheint, der in Zagreb geborene Architekt Vlado Milunić. Nach seiner Fertigstellung hatte der Komplex viele Kritiker auf den Plan gerufen, die von einer Verschandelung Prags sprachen. In der Zwischenzeit haben sich die Gemüter aber wieder beruhigt.

Ein auffälliges Gebäude: Dieses Prager Gebäude wird Ginger und Fred genannt. Foto: Wikimedia


1945 zerstörte ein amerikanischer Bomber versehentlich ein Prager Wohnhaus, das sich direkt am Ufer der Moldau befand. In der Nähe wohnte während Jahrzehnten der einstige Dissident und spätere Präsident Václav Havel. Er besprach 1986, zu einer Zeit also, da es unmöglich schien, dass er einst Staatsoberhaupt werden würde, mit dem Architekten Vlado Milunić die Möglichkeit, auf der Brache ein Kulturzentrum zu errichten. Geplant waren eine Bibliothek, ein Theater und ein Café. Milunić wollte zuerst den Architekten Jean Nouvel für eine Zusammenarbeit gewinnen, schliesslich entschloss sich indes der kanadische Architekt Frank Gehry, mit Ideen zum Projekt beizutragen. Mittlerweile war die Samtene Revolution übers Land gezogen, der Kommunismus war besiegt und Prag wurde für Investoren interessant. Darum erwarb noch in der Projektphase die niederländische Versicherungsgesellschaft Nationale Nederlanden Real Estate den Grund und Boden und finanzierte den Bau, der entgegen den ursprünglichen Idee als Bürokomplex geplant wurde. Die Grundsteinlegung erfolgte am 3. September 1994.

Knapp fünf Jahre vorher, im November 1989, hatten Demonstrationen zum Sturz der kommunistischen Regierung geführt. Das war die Inspiration für den Architekten: Die beiden Gebäude sollen einen Dialog zwischen einem totalitären System, statisch mit einem vertikalen Konzept dargestellt, und einem dynamischen, im gesellschaftlichen Umbruch befindlichen auf der anderen Seite. Dabei erinnert das ungewöhnliche Haus mit der Glasfassade auch an eine Tänzerin im Faltenkleid, die sich an einen Herrn mit Hut schmiegt.

Aufgrund des Standortes am Ufer der Moldau und unmittelbar neben einer Brücke  wählten die Bauplaner eine Betonplatte, die auf vielen in den Boden getriebenen Betonpfeilern ruht. 99 gebogene speziell gefertigte Fassadenelemente bilden die Bauwerksverkleidung. Der gerade Baukörper trägt an der Turmspitze den mittels beschichteter Edelstahlgeweberöhren geformten Kopf der Medusa. Viele sehen darin einen Hut. Das Gebäude ist neun Etagen hoch, die beiden Teile sind vertikal getrennt und auf den einzelnen Ebenen nicht miteinander verbunden. Die Stützen im Erdgeschoss reichen über den Fussweg hinaus bis an die Strassenkanten. Sechs Etagen sind als Büroräume vermietet, in der obersten Etage gibt es ein französisches Restaurant mit einer Fläche von 679 Quadratmetern. Erd- und Untergeschoss sind als Konferenzräume mit einer Gesamtfläche von 400 Quadratmetern nutzbar. Im Jahr 1997 zeichnete die amerikanische Zeitschrift The Time das Gebäude mit ihrem Designpreis aus.


Schweizer Bauwirtschaft 9/2017 vom 23. August 2017

Die Themen der aktuellen Ausgabe:

Arbeitssicherheit:  Welchen Einfluss hat die Digitalisierung?

Technik: Der grösste Raupenkran der Schweiz im Einsatz.

Bildung: Die Webserie «Die Bauhelden» wirbt für eine Lehre auf dem Bau.

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