Campus Sursee
25.10.12  |   Massimo Diana

Das Schiff Campus Sursee bricht zu neuen Horizonten auf

Es gibt keine innovativen Lösungen, solange man nur zurückschaut. Am Gala-Abend zum 40-Jahr-Jubiläum des Campus Sursee machte Werner Messmer deutlich, dass der Campus Sursee seine Gründung und seine heutige Existenz der immer neuen Bereitschaft der Baumeister verdankt, über den eigenen Horizont hinauszublicken.

Sie waren die ersten eidgenössisch diplomierten Baumeister, die aus dem Campus Sursee hervorgegangen sind: SBV-Zentralpräsident Werner Messmer (rechts) hat sie zum 40-Jahr-Jubiläum alle auf die Bühne geholt. Fotos: Heike Grasser


Die feierlichen Fanfarenklänge des Bläserquartetts Slokar eröffneten den Gala-Abend zum Jubiläum der Eröffnung des Campus Sursee vor 40 Jahren. Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) hatte zu dieser Gala in Sursee alles eingeladen, was im Campus, im Baugewerbe und bei befreundeten Verbänden Rang und Namen hat. Ernst Roth, Gemeindepräsident von Oberkirch LU, der Standortgemeinde des Campus, und Regierungsrat Reto Wyss, Bildungsdirektor des Kantons Luzern, beehrten den feierlichen Anlass mit ihrer Präsenz und ihren Gedanken zur Vergangenheit und zur Zukunft des Campus.

Die erste Baumeisterklasse

Werner Messmer, Zentralpräsident des SBV und Stiftungsratspräsident des Campus Sursee, sorgte während seiner Festansprache für einen sympathischen Coup: Er bat seine 14 Baumeisterkollegen, die im Herbst 1972 mit ihm die Baumeisterausbildung begonnen hatten, auf die Bühne. Und so erhoben sich 14 vife ältere Herren, bestiegen die Bühne und stellten sich einer nach dem anderen den rund 300 Gästen vor. Sie alle bezeugten, dass die 1972 neu eingeführte Vollzeitausbildung zum eidgenössisch diplomierten Baumeister professionell organisiert war und das dabei vermittelte betriebswirtschaftliche Wissen besonders geschätzt wurde. Da sie als erste Baumeister-Aspiranten ein Stück weit auch Versuchskaninchen gewesen seien, seien engagierte Diskussionen mit den Dozenten über den Schulstoff an der Tagesordnung gewesen, erinnerte sich Messmer und meinte verschmitzt: «Ich bin froh, dass keiner der Klassenkameraden etwas über unsere nächtlichen Abenteuer erzählt hat. Damals konnte man sich nämlich, im Gegensatz zu heute, mehr erlauben.»

Leute mit dem richtigen Geist

Erfolg sei ein Geschenk, doch damit dieser sich einstelle, brauche es Leute, die den entsprechenden Geist verbreiten, gab Messmer zu bedenken, bevor er die Campus-Leitung auf die Bühne bat: Beat Jenni, Leiter des Bildungszentrums Bau, Thomas Stocker, sein Nachfolger ab 1. Januar und Heinz Huber, Finanzchef. Einer, der lange auf dieses Jubiläum hingearbeitet hatte, war aber bedauerlicherweise nicht dabei: Campus-Gesamtleiter Walter Luterbacher erholt sich von einem Hirnschlag und sei auf dem Weg zur Besserung, versicherte Messmer. Willy Graf, stellvertretender Leiter des Campus, erwies sich als würdige Vertretung. Auf die Bühne bat Messmer auch den achtköpfigen Stiftungsrat des Campus Sursee, der zwar normalerweise öffentlich wenig in Erscheinung tritt, aber dafür umso mehr im Hintergrund bei der Bestimmung der Strategie aktiv ist. «Im Stiftungsrat sitzen Unternehmer, die zuerst analysieren und dann Risiken eingehen», strich Messmer hervor. Eine der grössten Wohltäterinnen des Campus Sursee ist die HGC, welche rund drei Millionen Franken in Campus-Neubauten investiert hat. HGC-Präsident Christian Danz und Direktionsvorsitzender René Furler wurden deshalb ebenfalls auf die Bühne gebeten und bekamen vom SBV-Zentralpräsidenten eine Reproduktion eines Bildes des verstorbenen Zürcher Grafikers, Nationalrats und Subversivenjägers Ernst Cincera geschenkt, die eine Ansicht des Campus zeigt. Sowohl die Campus-Leitung, als auch der Stiftungsrat und die HGC-Vertreter wurden für ihr Engagement mit herzlichem Applaus bedacht.

Erfolg ist keine Selbstverständlichkeit

«Auch die Weiterbildung unterliegt dem Wandel», rief Werner Messmer in Erinnerung. Die heutige Freude über die Erfolgsgeschichte des Campus Sursee sei aber nicht selbstverständlich, denn vor weniger als zehn Jahren lag die Identifikation der Baumeister mit ihrem Ausbildungszentrum auf dem Tiefpunkt. Das Ausbildungszentrum stiess bei zunehmenden Ansprüchen baulich und organisatorisch an seine Grenzen. Damals hätten ihm viele Leute aus dem SBV geraten, das Ausbildungszentrum zu verkaufen: «Die Bereitschaft, in die eigene Berufsbildungsinfrastruktur zu investieren, war minim, der einstige Stolz war verflossen», erinnerte sich der SBV-Zentralpräsident. Brauchbare, innovative Lösungen schienen um 2003 ausser Reichweite und ein Stimmungsumschwung unmöglich.

Die Zukunft an Visionen ausrichten

Nach vielen erfolglosen Sitzungen, auf dem Weg zu einer Klausurtagung, an der das Schicksal des Ausbildungszentrums besiegelt werden sollte, kam Messmer der entscheidende Geistesblitz, der den Schlüssel zu einer zukunftsträchtigen Lösung bildete: «Mir kam der Spruch von Antoine de Saint-Exupéry aus seiner Erzählung ‹Citadelle› in den Sinn‚ wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.» Dieser Spruch machte Messmer klar, dass keine zukunftsweisende Lösung möglich war, solange man sich mit der Frage beschäftigte, was in der Vergangenheit alles hätte anders und besser gemacht werden sollen: «Die Beschäftigung mit den Fehlern der Vergangenheit ruft nur negative Emotionen hervor anstatt Aufbruchsstimmung für neue Projekte.» Diese Einsicht ebnete den Weg für eine neue Vision des SBV-Ausbildungszentrums: Es sollte sich auch für andere Nutzer öffnen und sich zu einem Seminarzentrum wandeln – keine leichte Aufgabe, angesichts der grossen Konkurrenz unter vielen bestehenden Seminarzentren und der bohrenden Frage vieler Baumeister, warum Geld für etwas investiert werden sollte, das nicht unmittelbar dem eigenen Bedarf dient. Es gelang schliesslich, die Baumeister für diese Vision zu gewinnen und 2005 stimmte die SBV-Delegiertenversammlung ohne Gegenstimme der Neuausrichtung zu, die die Aufteilung in Seminarzentrum und Bildungszentrum Bau erlaubte und ein Bauvolumen von rund 100 Millionen Franken auslöste. Damit war das «Schiff» Campus Sursee wieder flott und kann nun neuen Horizonten entgegensegeln. Von einer Vision sprach auch Regierungsrat Reto Wyss, Bildungsdirektor des Kantons Luzern. Im ersten Teil seiner Ansprache lobte er das duale Bildungssystem der Schweiz und betonte, dass er selbst als gelernter Bauzeichner und späterer Ingenieur von diesem System profitiert habe. «Die Schweiz braucht mehr handwerkliche Exzellenz», betonte Wyss und sprach damit manchem Baumeister aus dem Herzen. Wyss appellierte an die Arbeitgeber, die praktische Intelligenz zu fördern und das Potenzial von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln zu nutzen, denn dies sei die beste Integration. Der Luzerner Bildungsdirektor gab aber auch zu bedenken: «Die Wissensgesellschaft wird immer wichtiger, und deshalb braucht die Schweiz neben handwerklicher Exzellenz auch akademische Exzellenz. Es braucht auch eine akademische Elite.» Der Kanton Luzern trägt dem Rechnung, indem er, trotz knapper Finanzen, eine neue wirtschaftswissenschaftliche Fakultät an der Uni Luzern aus der Taufe hebt. Gerade aber, weil er im Kanton ein Hand in Hand akademischer und handwerklicher Exzellenz anstrebe, brauche er den Campus Sursee als Hort der handwerklichen Exzellenz, erläuterte Wyss und bekannte zum Schluss: «Ich bin als Bildungsdirektor stolz auf den Campus und seine nationale Ausstrahlung.»