Fokus
31.05.12  |   Alain Savioz

«Diesmal wollen sie unseren Ruin»

Als Baulöwen und Spekulanten wurden sie im Abstimmungskampf zur Zweitwohnungsinitiative angeprangert. Tatsächlich sind es meist kleine und mittlere Gewerbler, die im Berggebiet mit ihren Bau­firmen für tausende von Arbeitsplätzen sorgen. Für sie ist am 11. März eine Welt zusammengebrochen. Alain Savioz, ein Walliser Bauunternehmer aus dem Val d’Anniviers, hat aufgeschrieben, wie er das alles erlebt:

Vor sechs Jahren habe ich voller Stolz unser Fa­milienunternehmen übernommen, eine Firma mit 60 Jahren Erfahrung im Hoch- und Tiefbau und 25 Angestellten. Der Zweitwohnungsbau hat bisher 60 Prozent unserer Arbeit ausgemacht. Heute reicht unser Arbeitsvorrat nicht mehr über den kommenden ­August hinaus. Fünfzehn unserer Angestellten werden in fünf Monaten entlassen; mit ihren Fa­milien sind rund fünfzig Menschen betroffen. Dieses Bild wird sich in unseren Tälern dutzendfach ­wiederholen.

Unser Lehrling schliesst seine Ausbildung diesen Sommer ab. In unserem Tal wird er keine Stelle ­finden. Sein Dorf, das übers ganze Jahr kaum noch 20 Einwohner zählt, wird er verlassen. Einer unserer Vorarbeiter, ein Göttikind von mir, und seine Frau haben sich mit ihrem Ersparten ihr kleines Glück ­verwirklicht: eine ­eigene Wohnung, und vor einigen Monaten das erste Kind. Jetzt hängt die ­Zukunft der jungen Familie in der Luft.

Mein Neffe hat nach Jahren der Ausbildung, des Studiums und der Stellensuche einen Posten als Orts­planer in einer grossen Walliser Skistation gefunden. Am Montagmorgen, 12. März, hätte er die Stelle antreten sollen. Man rief ihn kurz vorher an: Er musste nicht einmal mehr hinfahren.

Wir haben drei Kinder. An den Berufswahlveranstaltungen gegen Ende der Schulzeit wurden ihnen die Vorzüge und die Solidität handwerklicher Ausbildungen in der Region angepriesen. Welche Ratschläge wird man den Schülern jetzt wohl für ihre Zukunft mitgeben?

Die künftigen Arbeitslosen werden nicht im Tal bleiben. Sie werden mit ihren ­Familien und ihren Kindern in die Städte und Agglomerationen ziehen. Was ­passiert dann mit unseren Schulen? Was mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Jugendvereinen, den Schulbussen und all den andern Arbeitsplätzen, die mit dem Schulbetrieb zusammenhängen?

Wir werden uns dort wiederfinden, wo wir vor 50 Jahren mit der Landflucht waren. Aber viele der neuen Arbeitslosen werden Ausländer sein. Wie wird die Bevölkerung darauf reagieren? Unsere po­litischen Ideen könnten sich radikal ändern.

Wir hoffen, mit unserer Arbeit fortfahren zu können und Erstwohnungen zu bauen. Diese beschäftigen uns im Moment zu rund 15–20 %. Aber wer wird sich in ein solches Projekt stürzen angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit in der Region?

Im Abstimmungskampf zur Zweitwohnungsinitiative hat man uns Bauunternehmer als Spekulanten, Betonierer und Lügner hingestellt.

Aber schon am Montag nach der Abstimmung kontaktierten Schweizer Zweitwohnungsbesitzer die Immobilienverwaltungen, um ihre Wohnung zu einem horrenden Preis zu verkaufen. Die Initianten haben eine Spekulationswelle ausgelöst. Nicht wir.

Sechzig Prozent der Zweitwohnungen gehören Schweizer Landsleuten. Inskünftig werden wir ihnen sagen, sie sollen sich eine Zweitwohnung im Ausland kaufen, wenn sie es sich leisten können. Man verlangt von uns, dass wir bestehende Liegenschaften renovieren. Aber wie finanzieren wir das, wenn wir eine Krise durchmachen und die Beschäftigungssituation unsicher ist? Als wir zum Beispiel einen bewirtschafteten Teil – den selbst bewohnten Teil einer der Familie gehörenden Erstwohnung – renovierten, haben die meisten örtlichen Banken unseren Kreditantrag zunächst strikt abgelehnt, weil sie nicht an unser Projekt glaubten. Der Kredit wurde uns schliesslich nur bewilligt, weil ein Familienangehöriger in einer Bank tätig war.

Es ist leicht, uns andere Tätigkeiten zu empfehlen wie beispielsweise Uhrmacherei oder Mikromechanik. In den Siebzigerjahren haben wir damit bereits unsere Erfahrungen gemacht: Trotz ausgezeichneter Resultate haben die talfremden Inhaber die kleinen Fabriken stillgelegt.

Was soll nun mit unseren über Generationen und Generationen weitervererbten Maiensässen ­werden? Pierre Chiffelle, der Rechtsberater der Initianten, hat zwei Wochen nach der ­Abstimmung gnädig in Aussicht gestellt, dass für diese Renovationsbewilligungen allenfalls gewährt werden können. Ich war bestürzt. «Diesmal wollen sie ­unseren Ruin», habe ich gedacht.

Die Grundstücke unserer Eltern und Urgrosseltern werden spätestens ab dem 2. Januar 2013 nichts mehr wert sein. Was damit? Erstwohnungen erstellen? Aber für wen? Glauben Sie wirklich, dass sich Leute in Regionen niederlassen wollen, wo es keine Entwicklung mehr gibt?

Denken Sie zum Beispiel an unsere älteren Leute. Wie wollen wir Altersheime und Alterswohnungen betreiben ohne Mittel? Manche Senioren, die ihre Heimkosten und Rechnungen nicht mehr bezahlen können, werden ihr Haus ver­kaufen müssen. Aber wie, wenn die Objekte nichts mehr wert sind? Die Zahl der alten Menschen, die zur Last unserer Gemeinden werden, wird zunehmen.

Ich habe beschlossen, mich dieser Realität zu stellen, um die Arbeitsplätze ­meiner Angestellten zu erhalten und meiner Familie eine Perspektive zu geben. Nur: Wie sage ich meinem Cousin, dem Plättlileger, dass ich künftig auf unseren Baustellen die Plättli ­selbst legen werde, und wie meinem Nachbarn, der Maler ist, dass ich schon Farbeimer und Pinsel gekauft habe, und wie meinem Bodenleger, dass ich schon Knieschoner bestellt habe, um die Parkett­böden künftig ­selbst zu verlegen? Es wird Mut brauchen, Gleichgültigkeit und viel Egoismus, um vom bisherigen Miteinander zum Prinzip des «jeder für sich» überzugehen.

Aber ich habe den Glauben an die Schweiz noch nicht verloren. Jedes Jahr nehme ich mir ein paar Tage frei, um mit meiner Frau unsere Kinder ent­decken zu lassen, was für ein schönes Land das ist. Heuer fahren wir nach Giessbach, am Ufer des ­Brienzersees. Ein wunderbarer Ort und ein elegantes Hotel mit reicher Tradition. Es gehört der Stiftung eines bekannten Naturschützers. Wir freuen uns darauf. Wir werden dort auf andere Gedanken kommen, und unsere Kinder werden ihre Eltern wieder einmal weniger sorgenvoll erleben.

Allzulange dürfen wir mit der Reise aber nicht zuwarten. Das schöne Etablissement am Giessbach ist leider nur sechs Monate im Jahr geöffnet. Und dann? Geschlossene Fensterläden? Kalte Betten? Ja, ja, Herr Weber, es ist leichter, es zu fordern, als es zu machen. Sogar dann, wenn man von einer ­gemeinnützigen Stiftung gesponsert wird.


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