Die Lehrlinge der Frutiger AG haben im Gasterntal im Berner Oberland nach den Unwettern im Oktober 2011 einen Stall und einen Wanderweg aufgebaut. Der Einsatz war für alle Beteiligten ein Gewinn.

Alen Stanic, Matthieu Schmid, Fabian Heubi, Daniel Herrmann, Olivier Wicki, Fabian Häusler und André Müller (von links) haben mitgeholfen, den Geissenstall und den Wanderweg instand zu setzen. Foto: big
Eine Woche ohne Handyempfang, Internet und Fernsehen. Das ist hart – vor allem für Jugendliche. «Wäre das Lehrlingslager freiwillig gewesen, dann wäre niemand von uns hier», sagt denn auch Fabian Heubi (22, Verkehrswegbauer) und lacht. Doch die Lernenden der Frutiger AG hatten keine Wahl: Die Lager sind traditionell obligatorisch. 47 Lehrlinge, darunter auch ein paar Frauen, haben sich darum weit hinten im wilden Gasterntal eingefunden. Sie wurden auf vier Gruppen verteilt: Zwei waren je eine Woche im Juli vor Ort, zwei im September. Das letzte Lager im September, als die «Schweizer Bauwirtschaft» zu Besuch war, war ein reines Männerlager.
Trotz der anfänglichen Skepsis: Die Lehrlinge hatten den Plausch. «Ich habe neue Leute kennengelernt; es war lustig und toll», schwärmt Fabian Häusler (18, Strassenbauer). Besonders gefallen hat den Lehrlingen der kameradschaftliche Umgang. «Wir haben jeden Abend gejasst», erzählt André Müller (17, Maurer). Zur guten Laune beigetragen hat auch das Essen: «Das ist tipptopp gewesen», betont Alen Stanic (19, Maurer). Allgemein sei die Atmosphäre viel gemütlicher gewesen als auf einer «normalen» Baustelle: «Dort heisst es immer hopp, hopp, hierhin, dorthin, los», erklärt Müller. Hier jedoch diskutiere man zuerst in aller Ruhe das weitere Vorgehen, und packe die Arbeit dann gemeinsam an.
Die Lager dienen aber nicht nur der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls – sondern sie sind vor allem als sinnvoller Hilfseinsatz gedacht. Nachdem die Frutiger-Lehrlinge vor zwei Jahren im Gantrisch-Gebiet einen Wanderweg saniert haben, fand man dieses Mal im Gasterntal eine zweckdienliche Aufgabe. Schwere Unwetter im Oktober 2011 hatten das Leben der Leute im Gasterntal dramatisch verändert: Rund 500 000 Kubikmeter Geröll verschütteten damals die Zufahrt zur Liegenschaft Heimritz der Familie Rauber. In insgesamt 300 Manntagen legten die Lehrlinge den vom Geschiebe der Kander bedeckten Geissenstall frei und richteten ihn bezugsfertig ein. Parallel dazu setzten sie den Wanderweg instand.
Die meisten Lehrlinge sind «vom Fach»; sie sind Maurer oder Strassenbauer. Es hat jedoch auch einige Baustellen-Exoten dabei. Zum Beispiel den Büro-Lehrling Olivier Wicki. Er erhält von seinen Outdoor-Kollegen viel Lob: «Der hat das gut gemacht», betont Müller. Olivier Wicki hat hier sogar gelernt, einen Bagger und einen Tumbler zu bedienen. Ihm selbst hat der Einsatz Spass gemacht. «Es tut einem als KV-Stift auch gut zu sehen, dass es nicht einfach ist, bei allen Wetterbedingungen draussen zu arbeiten», bemerkt er.
Überhaupt – das Wetter. Auf der Minus-Liste landet es auf dem ersten Rang. Die Kälte und der Regen haben den Lehrlingen vor allem zu Wochenbeginn schwer zugesetzt. «Die Laune am Morgen ist dementsprechend gewesen», erzählt Ernst Steinhauer mit einem Schmunzeln. Der Koordinator Lernende bei der Frutiger-Gruppe hat jedoch festgestellt: «Nach einem Tag haben sie sich daran gewöhnt. Dann hat man keinen mehr jammern gehört.»
Ungewöhnlich war für die meisten Lehrlinge, dass sie in diesem unwegsamen Gelände die Werkzeuge grösstenteils zu Fuss hin- und hertragen mussten. Doch am Ende der Woche hätte der eine oder andere gern noch eine weitere angehängt. Ein Lob teilen die Lehrlinge auch den Leitern Walter von Gunten und Simon Wandfluh aus: «Die waren alle total in Ordnung», sagt Alen Stanic. «Es hat uns zudem sehr gefreut, helfen zu können», bilanziert Heubi.
Das Wort «Freude» hört man vor Ort sowieso oft. Die Besitzerfamilie um Urs Rauber zum Beispiel empfindet Freude, dass sie hier dank auswärtiger Hilfe ihre Existenz behalten kann, und Urs Weibel von der Gemeinde Kandersteg freut sich über den Einsatz der Firma Frutiger in einem abgelegenen Tal. Stephan Tschudi aus der Frutiger-Geschäftsleitung schliesslich erwähnt sogar den Satz eines einheimischen Alt-Bundesrates, der auch schon mit Kofi Annan im Gasterntal herumgewandert ist: «Freude herrscht.» Die Frutiger AG will ihre Tradition mit den Lehrlingslagern fortsetzen
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