«Die Digitalisierung wird auch in kleineren Unternehmen Einzug halten»

Rene Leutwyler ist Mitglied des SBV-Zentralvorstandes und Teil der Steuergruppe des Projekts Masterplan 2030. Seit letztem Juni präsidiert er zudem die Genfer Sektion des SBV.

Sie wurden kürzlich zum Präsidenten der Genfer Sektion des SBV gewählt. Wie sehen Sie dieses Mandat im Vergleich zu Ihrer Rolle im Zentralvorstand?

René Leutwyler: Ich sehe mich vor allem als ein Sprachrohr der Region Romandie, die alleine knapp 30 Prozent der kantonalen Sektionen des SBV ausmacht. Sie ist nicht nur die grösste SBV-Region, sondern auch die einzige, die zwei Vertreter im Zentralvorstand stellt. Es macht mir Spass, gemeinsam mit Flavio Torti diese geeint auftretende Region zu vertreten, und dies obschon sie aus nicht weniger als sieben Sektionen besteht!

Nichtsdestotrotz sind Sie Präsident einer Sektion, die ausgeprägte kantonale Eigenheiten hat.

Leutwyler: Das stimmt, aber die Schweiz besteht aus 26 Kantonen und fast ebenso vielen SBV-Sektionen und kantonalen Eigenheiten. Es ist jedoch schon so, dass der Kanton Genf im Vergleich zum Rest der Schweiz ein sehr atypischer Kanton ist. Unser Kanton ist wirtschaftlich sehr stark, was sich an unserem Beitrag zum Finanzausgleich zeigt. Und dies, obwohl Genf weniger als 1 Prozent der Fläche der Schweiz ausmacht und obwohl ihn nur gerade eine fünf Kilometer lange Kantonsgrenze mit dem Rest der Schweiz verbindet, gegenüber den 113 Kilometern Landesgrenze mit Frankreich. Ich finde es umso spannender, als Vertreter eines so speziellen Kantons wie Genf die Region Romandie auf nationaler Ebene zu vertreten, im Wissen, dass praktisch alle Westschweizer Sektionen ebenfalls ans Ausland grenzen.

Was sind für Sie die grössten Herausforderungen, die dem SBV als nationaler Verband bevorstehen?

Leutwyler: Wie alle Schweizer Berufsverbände, die «handwerkliche» Berufe vertreten, hat auch der SBV die Hauptaufgabe, aktiv an der Gestaltung der Berufsbildung mitzuwirken, insbesondere im Rahmen des dualen Bildungsmodells. Dank unserem Gewicht auf nationaler Ebene können wir die verschiedenen Ausbildungen stärken und deren Qualität erhöhen. Wir müssen die Ausbildung weiterentwickeln, um einen gut ausgebildeten Nachwuchs zu garantieren Das ist denn auch das Ziel des Masterplans 2030: Wir definieren heute die zukünftigen Bedürfnisse, um auch in zehn Jahren die Erwartungen der Baumeister und des Marktes zu erfüllen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei diesen Entwicklungen?

Leutwyler: Ich denke, dass die Digitalisierung wie überall auch in der Baubranche Einzug halten wird. Es existieren bereits heute papierlose Baustellen-Prototypen. Es ist einfach eine Umstellung der Organisation von Bauprojekten. Bis in ein paar Jahren muss die digitale Planung eines Bauwerks in die Phase der Ausführung übertragen werden können, denn letztendlich kann das eine nicht ohne das andere existieren. Das bedingt, dass alle unsere Ausbildungslehrgänge dieser Entwicklung Rechnung tragen, und zwar auf allen Stufen. Wir müssen unsere Leute darauf sensibilisieren und diese neue Situation in unsere Ausbildungen aufnehmen. Eine der Herausforderungen wird jedoch sein, alle unsere Lehrgänge auf denselben Nenner zu bringen. Mit anderen Worten müssen alle auf der Baustelle tätigen Akteure des Bauhaupt- und Ausbaugewerbes mit diesen digitalen Plänen und Werkzeugen arbeiten können.

Bleibt die Digitalisierung nicht einfach den grossen Unternehmen vorbehalten?

Leutwyler: Ich denke nicht. Heute zeichnet niemand mehr auf Papier wie zu Beginn meines Beruflebens, und zwar unabhängig von der Betriebsgrösse. Tablets und Smartphones werden genauso im Berufsalltag eingesetzt. Und schlussendlich ist auch die Maurerausbildung überall die gleiche, egal wie gross das Unternehmen ist.

Sollen mit dieser Entwicklung auch vermehrt junge Leute angezogen werden?

Leutwyler: Ich hoffe schon, weil das zur Attraktivität unserer Berufe beiträgt, gerade bei den jungen Generationen, die sehr technikaffin sind. Darüber hinaus ist die Digitalisierung eine hervorragende Sache, denn wir haben Mühe, neue starke Kräfte anzuziehen, obschon unsere Berufe eigentlich attraktiv und gut bezahlt sind und hervorragende Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Kinder im Alter von rund zehn Jahren geben oft an, Baggerführer werden zu wollen. Später entscheiden sie sich für eine Berufslehre ausserhalb des Baus. Hier wäre es interessant zu verstehen, zu welchem Zeitpunkt das Interesse verloren geht.

Was sind Ihre Erwartungen zu den Wahlen vom 20. Oktober?

Leutwyler: Heute ist die Baubranche zu wenig direkt vertreten in Bern, obwohl sie wirtschaftlich sehr wichtig ist, da in der Schweiz viel gebaut wird, sowohl Wohnraum als auch Infrastrukturen. Ich erwarte daher, dass die gewählten Politiker die besonderen Bedürfnisse der Baubranche und deren Position im Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen verstehen – entsandte Arbeiter, öffentliche Beschaffung, Kampf gegen die Schwarzarbeit und die unlautere Konkurrenz und so weiter.

Interview: Corine Fiechter