Bauarbeiten ermöglichen sensationelle Entdeckung

Im Rahmen des Baus eines Mietshauses an der Avenue du Petit-Chasseur in Sitten haben die Archäologen eine Aneinanderreihung von sechs aufgestellten Stelen zu Tage gefördert. Diese Entdeckung ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der gesellschaftlichen Rituale im Endneolithikum (um 2500 v. Chr.) in Zentraleuropa. Nach Abschluss der Auswertung wird sie es erlauben, das Puzzle zu überprüfen oder zu vervollständigen, welches 1961 mit der Ausgrabung des Dolmens MI von Petit-Chasseur, etwa 400 Meter von den aktuellen Entdeckungen entfernt, begann.

Einige Monate nach Abschluss der Grabungen von Don Bosco, welche einen Dolmen und mehrere gravierte Stelen aus der Zeit um 2500 v. Chr. zu Tage förderten, erlaubte der Zufall der Bauarbeiten den Archäologen eine neue Entdeckung im Quartier von Petit-Chasseur. Es ist eine Hochburg der europäischen Vorgeschichte seit der Entdeckung mehrerer Dolmen (Kollektivgräber) und etwa 30 anthropomorphen Stelen, welche Personen – vielleicht die Anführer lokaler Stämme – repräsentieren.

Im Gegensatz zu den bereits ausgeführten Grabungen in diesem Sektor hat die neue Fundstelle keine Dolmen, aber eine doppelte Aneinanderreihung von behauenen Stelen – davon drei graviert – preisgegeben. Der Hauptfund dieser Grabung ist eine prächtige, gravierte, gegen zwei Tonnen schwere Stele, welche eine männliche Person repräsentiert, die unter einem stilisierten Gürtel ein Gewand mit komplexen geometrischen Mustern trägt und deren Gesicht von einem Strahlenmotiv geziert wird, welches an die Sonne erinnert. Auf einer der sechs auf dieser Baustelle entdeckten Stelen finden sich zahlreiche kleine, runde Vertiefungen, ein bisher im Wallis unbekanntes Motiv, welches aber in der Fundstelle von Saint-Martin-de-Corléans in Aosta, dem italienischen Pendant der Dolmen-Nekropole von Petit-Chasseur, belegt ist.

Die Feldbeobachtungen erlauben die Präzisierung, dass ein Teil der Megalithen unvollständig war und bewusst zerbrochen und auf den Boden niedergelegt worden war. Dienten die fehlenden Fragmente zum Bau der ersten bei Petit-Chasseur zu Tage geförderten Dolmen, deren Wände aus gravierten, neuzugehauenen Stelen bestanden? Die Entdeckungen dieses Sommers lassen diese Hypothese offen. Die Grabungen erlauben die Wiederaufnahme der Erforschung von Petit-Chasseur, welche vor 58 Jahren begann. Sie verspricht neue Szenarien, deren wissenschaftliche Auswirkung sich von zentraler Bedeutung erweisen könnte.

Folglich ermöglichen die systematische Überwachung, die Erkennung und wenn nötig die Notgrabung im Vorfeld von Neubauten, die komplexen Riten unserer Vorfahren zu vergegenwärtigen. Im vorliegenden Fall wird ein neues Kapitel zum Comic «Le soleil des morts» von André Houot geschrieben und an die vor mehr als 60 Jahren eingeleiteten Forschungen zum Sittener Megalithismus und zu Petit-Chasseur angeknüpft.