«Es braucht Bauunternehmer, die politisch tätig sind»

Doris Kälin präsidiert neu den Baumeisterverband Schwyz. Damit ist sie die erste Frau an der Spitze einer Schweizer Baumeistersektion. Erreicht hat sie die Position mit viel Arbeit und Charme.

Sie waren im Jahr 2013/14 höchste Schwyzerin, will heissen Kantonsratspräsidentin, nun sind sie «höchste Schwyzerin» bei den Baumeistern, will heissen Verbandspräsidentin der Sektion Schwyz. Was hat Sie bewogen, für das Amt zu kandidieren?

Doris Kälin: Der Hauptgrund war der altersbedingte Rücktritt von Pietro Minelli, der dem Verband der Schwyzer Baumeister vorher vorstand. Ich engagiere mich seit zehn Jahren im Vorstand der Schwyzer Baumeister, da war es naheliegend, das Präsidium zu übernehmen. Zumal ich dies mit meinem Beruf und der Politik verbinden kann. Auch wenn ich aus dem Kantonsrat zurückgetreten bin, ist mir die Politik ein Anliegen.

Sie sind die erste Verbandspräsidentin bei den Baumeistern. Sind Sie stolz darauf?

Kälin: Nein, stolz bin ich nicht. Ich habe ganz einfach eine Riesenfreude, dass die Schwyzer Baumeister mir zutrauen, das Amt gut auszuführen. Dieses Vertrauen bedeutet mir sehr viel.

Wie konnten Sie sich in einer Männerbranche durchsetzen?

Kälin: Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen. Nach meiner Heirat habe ich sogleich im Bauunternehmen meines Mannes mitgearbeitet, wir haben es gemeinsam aufgebaut. Das Vertrauen der Leute erwarb ich mit klaren Entscheiden, Fleiss, und Ehrlichkeit. Ausserhalb der Firma engagiere ich mich ebenfalls. So bin ich zur Zeit die erste Frau als OK-Präsidentin des Schwyzer Kantonalen Schwingfestes vom 19. Mai 2019 in Bennau.

Mit Tamara Vanoli haben die Schwyzer Baumeister eine zweite Frau im Vorstand und somit eine 50-prozentige Vertretung. Sind die Schwyzer diesbezüglich ein Vorbild für andere Sektionen?

Kälin: Ja, das denke ich. Ich möchte die Frauen in den Betrieben motivieren, sich zur Verfügung zu stellen. Das wäre wichtig. Allerdings bin ich nicht für eine Frauenquote. Frauen sollen aufgrund ihrer Kompetenzen in Positionen gelangen, nicht aufgrund einer Frauenquote.

Was sind Ihre Ziele für die Sektion Schwyz?

Kälin: Gute Rahmenbedingungen für die Schwyzer Baumeister schaffen. Dazu zählt die Rekrutierung von Fachkräften. Dank dem LMV verfügen unsere Angestellten über gute Löhne, was eine Lehre als Maurer attraktiv macht. Wir müssen darüber hinaus die interessanten Karrieremöglichkeiten, die eine Lehre im Bauhauptgewerbe bietet, aufzeigen. Ein anderes Thema, das wichtig ist, ist die Einführung von SAB. Hier sind wir ja einen Schritt weitergekommen.

Welches sind die grössten Probleme der Schwyzer Baumeister?

Kälin: Das Verbandsbeschwerderecht! Wir ha­ben im Kanton Schwyz viele Einsprachen, dadurch werden immer wieder Projekte verhindert. Wir streben in Sachen Einspracherecht eine Situation wie im Kanton Zürich an, das heisst Einsprachen können erst auf die Baubewilligung gemacht werden und nicht schon beim Baugesuch. Erfreulicherweise laufen diesbezüglich politische Aktivitäten. Was wir ebenfalls spüren ist die ungleiche Konkurrenz durch grosse Unternehmen. Zudem nimmt die Bürokratie bei öffentlichen Ausschreibungen massiv zu, was kleinere Unternehmen zum Voraus schon ausschliesst.

Sie haben mit Ihrem Mann Stein um Stein das Bauunternehmen Sepp Kälin AG vom Einmannbetrieb zum Bauunternehmen mit 45 Mitarbeitenden aufgebaut. Welche Faktoren waren für den Erfolg verantwortlich?

Kälin: Wir haben klein begonnen und immer in ein gutes Inventar investiert. Eine gute Qualität zu liefern ist essentiell. Weiter verfügten wir immer über gute und motivierte Mitarbeitende. Sehr wichtig ist auch das politische Engagement. Man muss die Sicht der Unternehmen in die politische Diskussion einbringen. Natürlich kostet das Zeit. Ich denke dabei insbesondere an die Geschäftsfrauen, die sich in dieser Hinsicht engagieren sollten. Es braucht in der Politik Leute, die wissen, wie es ist, wenn man den Lohn für die eigenen Angestellten zuerst verdienen muss. Es braucht Bauunternehmer, die politisch tätig sind.

Die Aus- und Weiterbildung ist der Sepp Kälin AG wichtig. Wie schafft das Unternehmen es, immer die richtigen Leute zu finden?

Kälin: Ich bin stolz darauf, dass die Sepp Kälin AG bisher über 70 Berufseinsteiger ausgebildet hat. Die Mund-zu-Mund-Werbung hat viel dazu beigetragen, dass wir immer Lernende gefunden haben. Es ist aber klar auch ein Vorteil, dass wir unseren Firmensitz in einer ländlichen Region haben. Bei uns im Kanton Schwyz ist es noch eher so, dass junge Leute einen handwerklichen Beruf auf dem Bau ergreifen. Wir haben unsere Angestellten zudem immer bei der Weiterbildung unterstützt.

Wie hat sich die Baubranche in den letzten 40 Jahren verändert?

Kälin: Früher war die Baubranche persönlicher. Heute sind viel mehr GUs und TUs tätig und weniger private Bauherren. Zugenommen haben die bereits erwähnten Einsprachen. Verbessert hat sich die Arbeitssicherheit, allerdings gibt es da gleichzeitig auch immer mehr Vorschriften. Meine Ansicht ist, dass eine gewisse Selbstverantwortung bleiben soll. Man soll nicht alles verbieten oder vorschreiben.

Sie waren 12 Jahre im Schwyzer Kantonsrat tätig. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Kälin: Es war eine intensive, aber auch eine sehr gute Zeit.

Sie sind im Geschäft und im Verband engagiert und waren politisch aktiv. Wie schaffen Sie das?

Kälin: Mein Mann und ich haben eine klare Aufgabenteilung: Er konzentriert sich auf die Firma, während ich mich auch im Umfeld der Unternehmung engagiere. Ohne ihn hätte ich nicht Kantonsrätin sein können.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Kälin: Am liebsten mit der Familie, zu der mittlerweile auch zwei Enkelkinder gehören. Sehr gerne treibe ich Sport, meine Favoriten sind das Skifahren, Langlaufen, Biken oder Wandern.

Doris Kälin

Doris Kälin baute zusammen mit ihrem Mann die Sepp Kälin AG, Einsiedeln SZ, auf. Sie sass 12 Jahre lang im Schwyzer Kantonsrat, ein Jahr davon als Präsidentin. Neu hat sie das Präsidentenamt des Baumeisterverbandes Schwyz übernommen.