«Das Jahr 2050 steht unmittelbar bevor»

Die diesjährige Infra-Tagung, der wichtigste Branchentreffpunkt der Infrastrukturbauer, behandelte aus verschiedenen Perspektiven das Thema Zeit. Dabei ging es unter anderem um zwei sehr wichtige Bauprojekte – und um Zusammenarbeit und Transparenz.

Die Infra-Tagung begann leichtfüssig mit einem Auftritt der Tanzgruppe «yourDance», passend zur Situation der aktuellen Situation der Infrastrukturbauer. «Eine Branche auf der Höhe ihrer Zeit, mit einer komfortablen Ausgangssituation», wie es André Schär, Vizepräsident Infra Suisse, in seiner Begrüssung formulierte. Trotzdem, auch wenn es leicht aussieht, so steckt doch viel Arbeit dahinter, sei es beim Tanzen, sei es im Infrastrukturbau. Darum meinte Schär, es gelte nun zu schauen, dass die Gelder, die der Bund für Infrastrukturprojekte gemäss Willen des Stimmvolkes ausgeben soll, nicht in der Administration versickere. Beim Beschaffungsrecht brauche es eine Revision sowie einen Kulturwechsel. In Sachen Digitalisierung rief Schär die Branche auf, die Digitalisierung mitzugestalten und erinnerte daran, dass die Digitalisierung ein Innovationstreiber sei.

Anreize für Investitionen

Der erste Referent Roland Küpfer, Leiter Netze und Konzernleitungsmitglied der BKW, führte aus, auf was für anspruchsvollem Parkett heutige Energiedienstleister sich bewegen. Der Strompreiszerfall sei eine Knacknuss, die BKW musste in ihrer Erfolgsrechnung 890 Millionen Franken kompensieren. Mit der Liberalisierung des Strommarktes erfolgen Investitionen nach marktwirtschaftlichen Überlegungen. Die Energiedienstleister seien als Unternehmen nicht für die Versorgungssicherheit zuständig, mahnte Küpfer, der weiter davon berichtete, wie er einmal einen Stromausfall in Manhattan miterlebt hatte. Manchmal dauere es lange, bis Projekte realisiert werden könnten, fuhr er fort. Es brauche Investitionen, aber dazu müssten Anreize geschaffen werden. Am 20. Dezember 2019 wird das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz gehen. Dessen Leistung müsse ersetzt werden. Bei Sonnen- oder Windenergie sei die Steuerung nicht einfach, weil die Produktion schwanke. Es brauche neue Speichermedien. Vermehrt würden Konsumenten zu Produzenten. Die Digitalisierung entspreche deshalb einem Bedürfnis. Big Data sei ein grosses Thema, erklärte Küpfer. Aktuell müsse die BKW 16 Milliarden Daten verarbeiten – früher waren es 400 000. Die Erlöse aus der umweltfreundlichen Wasserkraft, würden die Gestehungskosten nicht decken, hier sei die Politik gefordert. Küpfer sprach auch davon, dass es 25 bis 40 Jahre gehe, bis Grossprojekte Energie produzieren könnten. Im Hinblick auf die Energieziele des Bundes und den geplanten Atomausstieg meinte er: «Das Jahr 2050 steht unmittelbar vor der Tür!»

Bedeutung der Kommunikation

Um die Dauer von Bauprojekten ging es auch im Referat von Guido Biaggi, Vizedirektor beim Bundesamt für Strassen Astra, der die Sanierung des Gotthardtunnels thematisierte. «Grosse Infrastrukturprojekte können nur realisiert werden, wenn alle Stakeholder mit an Bord genommen werden», sprach Biaggi Klartext. Er stellte die These auf, dass eine Volksabstimmung Projektentwicklungen zeitlich beschleunigen können. Denn diese sorge dafür, dass alle Projektbeteiligten ihre Beiträge zielgerichteter und weniger emotional leisteten. In diesem Frühjahr werde das Parlament die Finanzierung des Gotthard-Projektes behandeln, Baubeginn soll im 2021 sein. Es wird drei Hauptlose, vier grosse Lose, 15 mittlere Lose, 15 bis 20 Kleinlose und zehn bis 15 Kleinstlose geben, so habe auch die lokale Bauwirtschaft konkrete Chancen, Dienstleistungen erbringen zu können. Grosser Wert wird auf die Qualität gelegt. Die unterirdische Lüftungszentrale wird als BIM-Pilotprojekt ausgeführt.

«Weko braucht es»

Kartelle und Preisabsprachen, wie sie auch in der Bauwirtschaft aufgedeckt wurden, schaden der Volkswirtschaft, erklärte der Präsident der Wettbewerbskommission, Andreas Heinemann. Heinemann erläuterte die wichtige Rolle der WEKO und dass diese sich an die Gesetze halten müsse. Arbeitsgemeinschaften, die in der Baubranche beliebt sind, sind laut Heinemann rechtlich anerkannt. Sie dürften jedoch nicht als Deckmantel für Kartellabsprachen missbraucht werden. Nicht zulässig sei es, Gewerbetreibende anderer Kantone zu benachteiligen. Der Kanton Tessin, der dies so praktiziert habe, habe seine Praxis aufgeben müssen. Wenn einzelne Organisationen marktbeherrschend seien, dann sei das rechtlich zulässig. Sie dürften aber ihre Position nicht missbrauchen.

U-Bahn für Güter

«Die Schweiz ist hier führend», sagte Peter Sutterlüti, Verwaltungsratspräsident der Cargo Sous Terrain AG. Er bezog sich mit «hier» auf das geplante unterirdische Gütertransportsystem Cargo Sous Terrain, das von Nutzern und Marktakteuren entwickelt wurde. Noch nie, betonte Sutterlüti, hätten so viele Unternehmen zusammengearbeitet. Die smarte City-Logistik werde Städte von Verkehr und Immissionen entlasten. In einem ersten Schritt ist ein unterirdischer Gütertransport zwischen Zürich und Härkingen angedacht. Das Vorhaben soll privat finanziert werden, die Wirtschaftlichkeit muss also gegeben sein. Sutterlütti ist optimistisch, dass die Gelder, 2,9 Milliarden Franken, zusammengetragen werden können. Er betonte dabei, die Mehrheit der Gelder solle aus der Schweiz kommen. Bis 2020 braucht es zudem ein neues Bundesgesetz, das es privaten Unternehmen erlaubt, unter verschiedenen Kantonen zu bauen. Ab dann soll die Baubewilligungsphase beginnen.

Fairer Wettbewerb

Der Palliativmediziner Daniel Büche erzählte von seinem Arbeitsalltag mit Sterbenden und von der Endlichkeit des Daseins. Nicht alles könne man rational erklären, erläuterte er. So würden viele Dahinscheidende von Treffen mit verstorbenen Familienmitgliedern berichten.

Gewohnt witzig referierte Matthias Forster, Geschäftsführer Infra Suisse. Er führte aus, warum es uns heute besser geht als früher und warum die Situation für die Infrastrukturbauer derzeit komfortabel ist, bevor er ernst wurde: «Wir leben in einer Zeit, in der Transparenz eine Stärke ist. Die Transparenz setzt einen offenen Umgang mit Fehlern voraus. Infra Suisse steht für liberale marktwirtschaftliche Grundsätze, bekennt sich zu einem fairen Wettbewerb.» Der Vorstand von Infra Suisse habe deshalb beschlossen, die Compliance-Kultur in der Branche weiter zu stärken.

Die nächste Infra-Tagung wird am 23. Januar 2020 stattfinden.