Türkei: Der Bauboom flacht ab

Unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wuchs Ankaras wirtschaftliche Macht kontinuierlich. So wurde die Türkei zum «Tiger-Staat». Einer der Wachstumstreiber war die Bauwirtschaft, die nicht zuletzt wegen Grossprojekten wie dem Neubau des Flughafens Istanbuls florierte. Allerdings führte Erdogan die Türkei zunehmend in die Isolation, was die Wirtschaft ebenfalls spürte. Nun zeichnet sich ein Ende des türkischen Baubooms ab.

Es war der grösste Auftrag in der Geschichte der Liebherr-Sparte Turmdrehkrane: Das deutsche Unternehmen konnte 58 Turmdrehkrane für den Neubau des Flughafens Istanbul liefern. Das war kein Zufall. Das ehrgeizige Neubauprojekt in Istanbul ist ein Projekt der Superlative. Und es ist nicht der einzige Flughafenbau in der Türkei. Neben dem neuen Grossflughafen in Istanbul verfolgt das Verkehrsministerium noch eine Reihe anderer regionaler Flughafenprojekte, die entweder in staatlicher Regie oder nach dem BOT-Schema realisiert werden. Die zuständige Generaldirektion für den Flughafenbetrieb DHMI im Verkehrsministerium ist gemäss Germany Trade & Invest zurzeit mit 39 Projekten im Gesamtwert von 4,8 Milliarden Türkische Lira befasst (knapp 1 Milliarde Euro). Dafür wurden im Haushaltsjahr 2018 Ausgaben von 750 Millionen TL bereitgestellt. Das ist viel Geld – aber auch deutlich weniger als im Jahr 2017, als 1,5 Milliarden TL zur Verfügung gestellt wurden. Der Grund dafür sind die zunehmenden Finanzierungskosten  infolge höherer Kreditzinsen zu.

Und diese könnten weiter zunehmend. Heute hat die US-Grossbank Goldmann Sachs gewarnt, dass bei einem weiteren Absturz der Türkischen Lira die Banken kollabieren könnten. Das führt dazu, dass es für Ankara noch teurer wird, auf dem Kapitalmarkt Geld zu beschaffen.  Für die zehnjährigen Staatsanleihen muss die Türkei inzwischen bereits mehr als 20 Prozent an Zinsen bezahlen. Das bringt es mit sich, dass das Land am Bosporus kaum seine Banken vor einer drohenden Pleite retten könnte, mit verheerenden Folgen für die Wirtschaft.

Kommt hinzu: Auch der Büro- und Wohnungsbau stagniert, der Markt ist gemäss Germany Trade & Invest gesättigt.

Das gesamte Marktvolumen für Bauausrüstungen und -leistungen in der Türkei wird von Fachleuten für 2017 auf etwa 42 Milliarden Euro geschätzt. Türkische Baufirmen dominieren den lokalen Markt. Nur knapp 20 Prozent der Bauleistungen werden von internationalen Firmen erbracht. Ausländische Unternehmen wirken im Wesentlichen nur im Rahmen von anspruchsvollen Grossprojekten als Konsortialpartner mit.

Von den 250 umsatzstärksten Unternehmen (bezogen auf den Auslandsumsatz) der Welt kommen 46 aus der Türkei, lautet das zuletzt veröffentlichte Ranking des Branchenmagazins «Engineering News-Record». Damit steht die Türkei gemessen an der Firmenzahl auf Platz 2 nach China (65) und vor den USA (39). Zu den grossen türkischen Unternehmen gehören Rönesans, Polimeks, ENKA, TAV, Ant Yapi, Yapi Merkezi, NATA und Calik. Durch die Übernahme von anderen Firmen, wie der deutschen Heitkamp Ingenieur und Kraftwerksbau GmbH und der niederländischen Ballast Nedam, kommt zum Beispiel die Rönesans Holding auf einen Jahresumsatz von mehr als 1 Milliarde Euro.

Türkische Vertragsunternehmen führten zwischen 1972 und 2017 in 119 Ländern insgesamt 9173 Bauprojekte im Gesamtwert von 355 Milliarden US-Dollar durch. Knapp 47 Prozent des gesamten Projektwertes entfallen auf Russland und andere GUS-Staaten, 26 Prozent auf den Nahen Osten und 18 Prozent auf Afrika. Im Jahr 2017 haben türkische Unternehmen Verträge für 241 Projekte im Wert von über 12 Milliarden Euro unterzeichnet. Grosse Erwartungen haben türkische Baufirmen an den Wiederaufbau von Irak; die internationale Gemeinschaft hat dafür Finanzierungen von insgesamt 73 Milliarden Euro zugesagt hat, rund 4 Milliarden Euro sollen aus der Türkei fliessen.

Damit steht fest: Sollte die Bauwirtschaft in der Türkei kriseln, würden sich diese starken Unternehmen neue Märkte suchen, zum Beispiel in Europa. Zudem würden europäische Zulieferer den Wegfall des türkischen Marktes spüren.