Morandi-Brücke war seit je her ein Sanierungsobjekt

Die eingestürzte Morandi-Brücke in Genua galt bei einigen als Meisterwerk der Architektur, andere bemängelten die vielen Schäden, die seit Jahren saniert werden mussten. Die monumentale Brücke war auch ein Symbol für die industrielle Vergangenheit Genuas, die stolze – superba – Stadt, die seit dem Niedergang der Stahlindustrie sich neu erfinden muss.

Das grosse Brückenunglück in Genua, das gemäss offiziellen Angaben bisher 35 Tote forderte, ereignete sich just am Tag, als die SBB nach 18 Monaten eine positive Bilanz zogen zum Gotthard-Tunnel. Der Gotthard-Tunnel ist eines der Bauwerke, die die Verbindung zwischen Rotterdam und Genua bilden sollen. «Dank dem Gotthard-Tunnel wird die Schweiz mit dem Hafen von Genua einen direkten Zugang zum Mittelmeer erhalten», sagte Edoardo Rixi, damals verantwortlich für die wirtschaftliche Entwicklung Liguriens, der Berichterstatterin im Dezember 2015. Heute ist er Staatssekretär im Verkehrsministerium und muss sich vor der Presse erklären. Wie war es möglich, dass die Brücke einstürzen konnte? Warum hat niemand die Gefahr erkannt?

Dass die Brücke ein dauernder Patient war, war bekannt. In den 1980er Jahren musste, wer sie überquerte, Niveauschwankungen bewältigen, es war ein dauerndes Auf und Ab. Die Konstruktion hatte sich verschoben, was der berühmte Planer Riccardo Morandi nicht vorgesehen hatte. Die kühne Konstruktion einer Schrägseilbrücke gilt als ein Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Der 1182 Meter lange Viadukt wird – oder besser gesagt wurde – von 90 Meter hohen Pylonen getragen, wobei drei davon mit Schrägseilen gestützt waren. Eine elegante, reduzierte Form, sehr passend zu Genua, die sich als englischste italienische Stadt empfindet. Allerdings stellte sich schon kurz nach der Fertigstellung heraus, dass die Eleganz ihren Preis hatte. Ständige Sanierungen waren unumgänglich.

Seit der feierlichen Einweihung der Brücke im Jahre 1967 sind nicht nur 51 Jahre ins Land gezogen, sondern musste Genua den Niedergang der einst so wichtigen Stahlindustrie hinnehmen. Die Verantwortlichen mussten umdenken. Sie besannen sich auf den Tourismus, sie entdeckten altes Handwerk neu. Rixi war 2015 dabei, als in Genua die ersten «Meister des Handwerks» gekürt wurden und erwähnte gegenüber der Berichterstatterin, das Schweizer duale System sei für ihn ein Vorbild, er wolle es in Ligurien implementieren, es müsse in Ligurien Berufslehren geben wie in der Schweiz. In Zeiten der Krise wollte Rixi die KMUs stärken. Tempi passati, der Politiker der Lega hat nach den Wahlen von 2018 eine neue politische Funktion in der Regierung Conte erhalten.

Nicht nur Genua ist seit Jahrzehnten im Umbau, auch der Ponte Morandi musste ständig aufwändig saniert werden. Auf eine sehr spezielle Art passte der ständig renovationsbedürftige, wenn auch spektakuläre Ponte Morandi dadurch zur hochmütigen Stadt, die ihren Platz im postindustriellen Zeitalter finden musste.  Vor zwei Jahren hatte Antonio Brenchic, Professor für Ingenieurswissenschaften, in einem Fachbeitrag gemeint, die dauernden Renovationsarbeiten seien zu teuer. Die Brücke sei abzureissen und neu zu bauen.

Indes: Auch Brenchic hatte das dramatische Ende der Brücke nicht vorausgesehen. In einem aktuellen Beitrag auf www.ingegneri.info erinnert er nun  daran, dass schon einmal eine Brücke von Morandi eingestürzt ist, und zwar 1964 in Venezuala. Damals hatte allerdings ein steuerungsunfähig gewordener Tanker einen Brückenpfeiler gerammt. Brenchic meint, es sei unerklärlich, dass Erkenntnisse aus dem damaligen Unglück keinen Einfluss auf die Projektierung und den Bau des Morandi-Bauwerks in Genua gefunden hatten.

Im krisengeschüttelten Italien ist der Schrecken über den Einsturz der Brücke gross, auch weil vielen bewusst ist, dass das Land in Sachen Infrastrukturerhaltung im Rückstand ist. Allerdings, wie bereits erwähnt, die Morandi-Brücke in Genua wurde gewartet. Es bleiben viele Fragen. Fest steht, dass die ganze Brücke abgerissen werden wird um neu erbaut werden zu können. Rund um Genua wird es demnach in den nächsten Jahren Verkehrsprobleme geben. Nicht gerade das, was die Stadt bei ihrer Neuerfindung braucht.