Deisswil bekommt ein neues Quartier – aber ohne Hochhaus

Es war der letzte Tag der Betriebsferien, als die österreichische Muttergesellschaft Mayr-Melnhof AG am 8. April 2010 verkündete, die 134-jährige Kartonfabrik Deisswil in der Gemeinde Stettlen per sofort zu schliessen. Die meisten der 253 Fabrikangestellten erfuhren aus den Medien, dass die Maschinen am nächsten Tag nicht mehr heraufgefahren würden. Damit verlor die Gemeinde auf einen Schlag nicht nur den grössten Arbeitgeber, sondern auch den wichtigsten Steuerzahler. Die Verunsicherung war gross – doch dann trat im Juni des gleichen Jahres mit dem Berner Unternehmer Hans-Ulrich Müller ein Retter in Aktion. Er kaufte das Areal und übernahm alle Angestellten, allerdings bekam er die Auflage, keinen Karton mehr zu produzieren. Dafür wurde die Mayr-Melnhof AG – die nur wenige Monate später ihr zweites Werk in der Schweiz, ein Sägewerk in Domat-Ems, ebenso abrupt schloss – heftig kritisiert. Müllers Ziel war es, alle Arbeitsplätze zu retten. Dafür funktionierte er die ehemalige Fabrikhallte zu einem Industriepark um, in dem er zahlreiche Betriebe anzusiedeln vermochte. Müller, der sich als Sanierer einen Namen gemacht hatte, gelang es, einen Teil der Fabrikangestellten bei den neu eingemieteten Firmen unterzubringen. Allen denjenigen, die noch keine Anschlusslösung gefunden hatten, zahlte er weiterhin den Lohn.  Denn Müller hatte eine Vision: Einen neuen Stadtteil mit Gewerbepark wollte er auf dem Areal realisieren, um langfristig Arbeitsplätze und Steuereinnahmen zu sichern. Das ging nicht von heute auf morgen, und um das Projekt bei den Stimmberechtigten salonfähig zu machen, musste Müller im Laufe der Jahre seine Pläne redimensionieren, also zum Beispiel auf ein eigentlich geplantes Hochhaus verzichten. Aber es klappte. Heute ist Müller kurz vor dem Ziel. Denn seine Berna Industrie- und Dienstleistungspark AG wird auf dem Areal ein Berner Quartier zum modernen Zusammenleben und Arbeiten realisieren. Neben Wohnungen und Räumen für Gewerbe und Dienstleistung sollen unter andrem eine Kita, eine Tagesschule, eine Markthalle, ein Gesundheitszentrum, Schauproduktionen und mehrere Restaurants entstehen. Implenia übernimmt den Rückbau, die Erdbebenertüchtigung und den Umbau des Bestands sowie den Neubau. Die Dienstleistungs- und Gewerbeflächen bieten auf rund 24 000 Quadratmetern Raum für mehr als 500 Arbeitsplätze, die 173 Mietwohnungen mit total 17500 Quadratmetern werden im Standardausbau erstellt. Besondere Herausforderungen sind die Gewährleistung der Baulogistik und Sicherheit auf dem Areal, auf dem derzeit rund 300 Personen in über 40 Unternehmen arbeiten. Der Rückbau beginnt diesen Sommer, die Übergabe der Gebäude erfolgt etappenweise in den Jahren 2020 und 2021.