«Ich bin ein typischer Landbaumeister»

Publikationsdatum: 10.04.13| Massimo Diana

Alexander Eigensatz, Geschäftsführer der Hüsler Hoch- und Tiefbau AG, bezeichnet sich als sehr kritisches Mitglied des Schweizerischen Baumeisterverbands. Im Interview mit der «Schweizer Bauwirtschaft» erklärt er, was er am Verband hinterfragt und wo er – trotz aller Kritik – die Vorteile einer Mitgliedschaft sieht.

„Schweizer Bauwirtschaft“: Wie lange ist Ihre Firma schon Mitglied des Schweizerischen Baumeisterverbands?

Alexander Eigensatz: Wir sind seit 1979 Mitglied. Eine Mitgliedschaft ist nicht gratis. Es muss dabei auch etwas für die Firma herausschauen. Was sind Ihrer Meinung nach ganz generell die Vorteile einer Mitgliedschaft in einem Verband? Ich muss vorausschicken: Ich bin ein sehr kritisches Verbandsmitglied. Das ist dem SBV bekannt. Ich bin mit einigen Dingen im Verband nicht einverstanden. Ich habe aber eine Kosten-Nutzen-Abwägung vorgenommen: Die Weiterbildungen für Mitarbeiter aller Stufen sowie die Unterstützung in der Lehrlingsausbildung bringen uns sehr viel. Auch Dienstleistungen wie der Rechtsdienst sind für uns nützlich. Wir bekommen zudem wichtige Informationen sehr schnell, sei es per E-Mail, sei es per Briefversand. Diese Dienstleistungen rechtfertigen ein Stück weit den hohen Mitgliederbeitrag.

Woher rührt Ihre kritische Haltung gegenüber dem SBV?

Es ist kein Geheimnis, ich wollte letztes Jahr aus dem SBV austreten. SBV-Direktor Daniel Lehmann hat darauf das Gespräch mit mir gesucht. Wir hatten einen intensiven Austausch, wobei ich Gelegenheit hatte, meine Kritik vorzubringen, unter anderem an der politischen Linie, die der Verband verfolgt. Der Direktor war sehr betroffen und hat mich gebeten, ihm eine Chance zu geben. Er hat signalisiert, dass er nach Lösungen für meine Anliegen suchen werde. Meine Anliegen wurden ernst genommen. Ein Kritikpunkt war die Art und Weise, wie die Suva bei der Umsetzung der Arbeitssicherheit mit uns Unternehmern umspringt. Herr Lehmann hat sich in der Folge für diese Anliegen eingesetzt. Ich durfte in einer Kommission mitarbeiten, wo diese Dinge aufgearbeitet wurden. Ich habe dabei gemerkt, dass es mühsam ist, mit der Suva zu verhandeln. Trotzdem waren die Sitzungen in Luzern konstruktiv und eine Verbesserung war möglich.
Ein weiterer Kritikpunkt am SBV war der Umgang mit den Gewerkschaften: Diese prangern die Bauunternehmer regelmässig in der Presse an und der SBV macht meiner Meinung nach zu wenig dagegen. In den meisten in der Presse ausgebreiteten Fällen ist das Ausbaugewerbe involviert, aber die Baumeister müssen als Sündenböcke hinhalten. Der SBV sollte viel härter um den Landesmantelvertrag (LMV) verhandeln und sogar einen längeren vertragslosen Zustand von zwei bis drei Jahren in Kauf nehmen. Mir ist bewusst, dass dies eine provokative Haltung ist und dass Vertragsverhandlungen nicht so einfach sind. Wir haben eigentlich einen sehr guten LMV, doch die Gewerkschaften fordern stets mehr. Bei den Verhandlungen um die Erneuerung des LMV im Jahr 2011 ist meiner Meinung nach der SBV zu schnell auf eine Einigung eingestiegen, besonders, was die Anhebung der Taggeldprämie im Krankheitsfall von 80 auf 90 Prozent betrifft. Das ist ein falsches Signal. Erst ein längerer vertragsloser Zustand würde Wirkung zeigen.

Waren Sie durchwegs zufrieden mit den Dienstleistungen des Schweizerischen Baumeisterverbands?

Der Verband macht alles in allem bestimmt gute Arbeit und die Mitarbeitenden sind sicher kompetent. Doch mir scheint, dass der Kontakt zur Basis fehlt. KMU wie unsere tragen und finanzieren den Verband. Dem trägt der Verband meiner Meinung nach zu wenig Rechnung. Ich möchte aber an dieser Stelle auch betonen, dass ich mit dem Baumeisterverband Aargau sehr zufrieden bin. Dieser macht gute Basisarbeit. Meine Meinung ist, dass sich ein Verband für seine Mitglieder einsetzen muss, gerade in der heutigen Zeit, wo Bauunternehmern ständig neue Hindernisse in den Weg gelegt werden, beispielsweise mit neuen Suva-Vorschriften, der Solidarhaftung und ganz neu mit der geplanten Revision des Kartellgesetzes, das die Bildung von Arges unter Generalverdacht stellt. Der Verband sollte etwas tun, um für die grossen Leistungen, die wir Bauunternehmer für die Gesellschaft vollbringen, mehr Wertschätzung zu erfahren.

Was haben eigentlich Ihre Mitarbeiter von einer Verbandsmitgliedschaft?

Der grösste Teil, schätzungsweise 70 Prozent der Arbeitnehmer im Bauhauptgewerbe ist nicht gewerkschaftlich organisiert. Das heisst: Eigentlich sind diese ebenfalls Aktivmitglieder des Baumeisterverbands und profitieren von den fortschrittlichen Arbeitsbedingungen. Ich behaupte auch: Diese Mitarbeiter sind dem Verband gegenüber positiv eingestellt.

Haben Ihre Mitarbeiter die Möglichkeit, sich beruflich weiterzubilden?

Wir haben einen Ausbildungsplan. Wir erwägen den Weiterbildungsbedarf in regelmässigen Mitarbeitergesprächen. Ich unterstütze jeden, der zu einer für das Unternehmen sinnvollen Weiterbildung bereit ist. Bei einem Personalbestand von 60 Mitarbeitern ist es noch möglich, mit allen persönlich zu sprechen. Die Kurse in Sursee, das nicht weit von unserem Firmenstandort liegt, finde ich sehr gut.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem SBV-Rechtsdienst gemacht?

Wir beanspruchen den Rechtsdienst zwischen fünf- und zehnmal im Jahr. Er ist sehr schnell und seine Auskünfte sind hilfreich, wenn es um Fragen des Arbeitsrechts geht. Beim Werkvertragsrecht wird es hingegen schwieriger, was ich ein stückweit verstehe, den hier sind Spezialkenntnisse notwendig und man muss einen Fall im Detail kennen. Es ist auf alle Fälle eine wichtige und nützliche Dienstleistung.

Nutzen Sie den Erfahrungsaustausch in den Erfa-Gruppen?

Nein, diese Form des Erfahrungsaustauschs entspricht nicht meiner Philosophie.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem Verbandsgremium mitzuarbeiten?

Grundsätzlich ja, wohl eher punktuell. Ich war auch schon in dieser Suva-Kommission zum Thema Arbeitssicherheit. Wenn man einen Betrieb führt, wird die Belastung doch sehr gross und die Zeit, um sich in eine Thematik einzuarbeiten, sehr kurz. Ich könnte mich nicht regelmässig einen Tag pro Woche in einem Verbandsgremium engagieren. Deshalb habe ich dem SBV-Direktor gesagt, dass ich mich zur Verfügung stelle, wenn ich gebraucht werde. Ich kann doch nicht die Faust im Sack machen, und dann nichts unternehmen. Wenn es nicht klappt, muss ich mir nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht.

Nützen Ihnen die Dokumentationen und Hilfsmittel des SBV in Ihrem betrieblichen Alltag?

Ja, es gibt ein paar nützliche Dokumente. Andere sind meiner Meinung nach nicht notwendig. Ein anderer Baumeister ist aber in diesem Punkt vielleicht anderer Meinung.

Wie gross ist Ihrer Meinung nach der Einfluss des SBV auf die Politik in Bern?

Fakt ist, dass im Nationalrat zwei Baumeister und 30 Bauern sitzen. Mit zwei Leuten ist also das Bauhauptgewerbe faktisch nicht vertreten. Diese Vertretung muss also aufgebaut werden. Ein Beispiel: Für Baumaschinen wurde seinerzeit die Partikelfilterpflicht eingeführt, für Landwirtschaftsmaschinen nicht. Vertreter für die Politik aufzubauen braucht aber rund zehn Jahre Zeit. Der SBV sollte potenzielle Vertreter nicht nur aufbauen, sondern auch finanziell unterstützen.

Hat der geringe Einfluss der Baumeister in der Bundespolitik mit ihrer schwachen Vertretung zu tun, oder allenfalls mit ihrem ungerechterweise schlechten Image in der Öffentlichkeit? Bauern geniessen ja einen gesellschaftlichen Sympathiebonus.

Schwierige Frage. Das mit dem Sympathiebonus der Bauern stimmt sicher. Doch massgebend in der Politik ist eben doch die Anzahl der Vertreter. Präsenz ist ein wichtiger Faktor. Hier sollte der Verband etwas unternehmen.

Zur Person

Alexander Eigensatz (Jahrgang 1970) stammt aus einer Baumeisterfamilie und hat im Bau eine klassische Berufslaufbahn durchlaufen: Lehre als Maurer, dann Polier, Bauführer und schliesslich Baumeister. „Ich habe gelernt, den Pickel in den Boden zu schlagen“, sagt er von sich selbst. Darüber hinaus hat er auch einen berufsbegleitenden Studienabschluss in Betriebswirtschaft erlangt. Eigensatz führt seit acht Jahren die Hüsler Hoch- und Tiefbau AG in Reinach AG. Das Unternehmen wurde 1964 gegründet und beschäftigt 60 Mitarbeiter. Zur Firmenphilosophie, die er mit „klein und fein“ umschreibt, gehört unter anderem, die gesamte Wertschöpfung im Unternehmen zu behalten und keine Temporärmitarbeiter zu beschäftigen. Dafür bildet die Firma Hüsler vier Lehrlinge aus. In seiner Freizeit ist Eigensatz leidenschaftlich gerne auf seiner Harley-Davidson unterwegs.