Eindrückliche Baudenkmäler 
in luftiger Höhe

Publikationsdatum: 07.05.14| Birgit Günter

Bahnbrücken sind baukulturelle Zeugen der letzten 160 Jahre. 
Im Buch „Schweizer Bahnbrücken“ werden rund 100 Exemplare vorgestellt. Darunter gibt es Brücken von welthistorischer Bedeutung.

„Manche der Bahnbrücken gehören zum Besten, was die Baukultur der letzten 160 Jahre hervorgebracht hat“, heisst es im Buch „Schweizer Bahnbrücken“. Zu Recht. Einige der 102 vorgestellten Brücken sind schlicht grandios, etwa der Viaduc de Grandfey, der mit seinen Bogen und Arkaden erhaben wie eine Kathedrale über dem Schiffenensee (FR) thront. Andere sind hingegen klein und unscheinbar – und trotzdem bauhistorisch von grosser oder gar weltweiter Bedeutung. Zum Beispiel der Bachdurchlass von Wiggen (LU): knapp drei Meter lang ist die Mini-Brücke. Gebaut wurde sie 1894 und war damals vermutlich die erste Bahnbrücke der Welt aus Eisenbeton.

Die Zahl der Bahnbrücken in der Schweiz ist enorm: Rund 6000 Brücken verzeichnen allein die SBB, dazu kommen 2250 weitere von Privat- und Bergbahnen. Erstaunlich ist auch ihr teils hohes Alter. Die älteste Bahnbrücke der Schweiz ist die Schäflibachbrücke bei Dietikon (ZH), die 1847 gebaut wurde als Teil der „Spanisch-Brötli-Bahn“ zwischen Zürich und Baden. Sie ist immer noch in Betrieb, ist allerdings heute zwischen Betonträgern eingeklemmt und kaum mehr sichtbar. Neben der Schäflibachbrücke sind weitere 890 Brücken der SBB über 100 Jahre alt; die Hälfte aller Bahnbrücken ist älter als 50 Jahre.

Enorme Vielfalt der Bauwerke

Das Buch mit den prächtigen Bildern des Fotografen Georg Aerni führt einem nicht nur die Schönheit und das oft stattliche Alter, sondern auch die Vielfalt der Brückentypen vor Augen. Allein bei den Brückenträgern werden 16 Typen aufgelistet, vom Steinbogen über die Parallelfachwerkträger, den Parabelträger, den Schwedlerträger bis zum Sprengwerk und dem Durchlaufträger, um nur einige zu nennen. Ein Glossar hilft Laien, den informativen Texten mit den vielen Fachausdrücken wie etwa Kolk (Erosionserscheinung in einem Flussbett; weltweit die häufigste Ursache für das Einstürzen von Brücken) zu folgen.

Die Brücken sind immer auch Zeugen dafür, wie sich konstruktives Wissen, Materialien, industrielle Produktion und ästhetische Auffassungen verändert haben. Die ersten Brücken in den Jahren 1852 bis 1871 wurden fast ausschliesslich gemauert. Die enorme Gestaltungsvielfalt dabei ist Zeuge für die damalige Bahnpolitik: Der Bahnbau war in der Hand privater Gesellschaften; dementsprechend verschiedenartig sind die Brücken. Die praktisch gleichzeitig gebaute Reussbrücke bei Turgi (AG) und der Viadukt von Rümlingen (BL) sehen aus, als stammten sie aus verschiedenen Jahrhunderten. Die Reussbrücke (Baujahr 1855) in schlichtem Werksteinmauerwerk wirkt nüchtern und modern, während der Rümlinger Viadukt (1856) mit historischen Ornamenten versehen wurde und an einen römischen Viadukt erinnert.

Zugunfall machte Steinbrücken wieder populär

Nach 1871 wurde Eisen das bevorzugte Baumaterial, da es günstig war und schnelles Bauen ermöglichte. Nachdem aber 1891 die eiserne Birsbrücke bei Münchenstein unter einem schweren Zug eingebrochen war, war das Vertrauen in Eisen als Baumaterial erschüttert. Die Steinbrücken erlebten eine Renaissance; parallel dazu stieg Beton langsam zu einem immer gefragteren Baumaterial auf. Die heutigen Brücken werden hauptsächlich in Beton erstellt.

Wegen des wachsenden Verkehrs und der immer längeren, schwereren Züge sind die alten Bahnbrücken heute in Gefahr. Sie müssen verstärkt oder ersetzt werden. Das Buch weist aber auch darauf hin, dass die Tragfähigkeit alter Brücken oft besser ist als erwartet: „Nicht selten zeigt sich, dass eine historische Brücke weit tragfähiger ist als angenommen“, schreiben die beiden Bauingenieure Helmut Heimann und Lorenzo Sabato. Der Erhalt der Brücken lohnt sich also nicht nur aus kulturhistorischer Sicht, sondern er kann durchaus auch wirtschaftlich Sinn machen. Wichtig wäre in der Diskussion, dass auch in der Öffentlichkeit „ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung und die Schönheit von Ingenieurbauwerken vorhanden wäre“, betont ETH-Professor Eugen Brühwiler in seinem Essay.

Einen Beitrag dazu leistet das Buch. Denn wer es gelesen hat, wird Brücken mit anderen Augen anschauen – und sie als das würdigen, was sie sind: Baukunstwerke.


Das Buch: „Schweizer Bahnbrücken“ Hrsg. von der SBB Fachstelle für Denkmalpflege und der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK, diverse Autoren, 240 S., ca. Fr. 69.-, Verlag Scheidegger & Spiess, ISBN 978-3-85881-393-0. Der SBV hat die Entstehung des Buches finanziell unterstützt.